Kleinen Zeitung / BAUEN & WOHNEN

„Architektur soll glücklich machen“
Gestern noch auf der Hochschule , heute im Berufsleben. Zwei ambitionierte Planer im Gespräch.

Interview: Astrid Kleber
03.10.2015

Welches Ihrer Projekte/Objekte ist für Sie besonders wichtig?
Sebastian: Für uns als „Projekt“ am wichtigsten war sicherlich die Gründung des privaten Zeichensaals, aus dem unser heutiges Atelier entstanden ist. Im 2. Studienjahr haben wir Kellerräumlichkeiten gemietet und dort mit Studienkollegen zusammen gearbeitet – die Menschen und das Arbeitsklima haben uns sicher maßgeblich geprägt. Baulich gesehen ist sicher unser erstes Projekt, die Revitalisierung des Bauernhauses M wegweisend.
Sandra: Wir haben während der Diplomarbeit mit dem Umbau des Bauernhauses M begonnen, am Tag der Diplombuchabgabe sind wir anschließend zur Baubesprechung nach Kärnten gefahren. Das war alles sehr aufregend und neu für uns! Bei diesem Projekt haben wir zusammen mit den Bauherren viel erlebt und gelernt. Das war überhaupt eine sehr spannende Zeit – der Kontrast zwischen der „wissenschaftlichen“ Diplomarbeit und der gebauten Realität hat uns sehr gefordert.

In welchem Alter haben Sie Ihr erstes Haus gebaut?
Sebastian: Das erste Projekt ist 2013 fertig gestellt worden und es gab ca. 2 Jahre Vorlaufzeit…also ich war ca. 26
Sandra: Ich war schon ein bisschen älter! ; )

Was ist Ihr Leitmotiv beim Planen und Bauen?
Sebastian: Das Leitmotiv ist eigentlich immer der Mensch, bzw. seine Emotion…Wir versuchen mit unseren Projekten eine emotionale, in einer gewissen Art poetische Ebene zu generieren. Der Ort zusammen mit dem Bauwerk soll in der Lage sein einen glücklich zu machen. Die Möglichkeit geben zu entspannen, aber auch Feste zu feiern je nach Anforderung.
Sandra: Wir wollen diese poetische Ebene im Laufe des Projekts nicht verlieren, sie soll auch in gebauter Form spürbar bleiben. Auch während der Ausführung und in Zusammenarbeit mit den Firmen ist es wichtig ein Konzept zu transportieren und an dem Grundgedanken des Entwurfs festzuhalten. Architektur ist deshalb so toll, weil es ein bewohnbares oder bespielbares Kunstwerk für uns ist.

Was reizt Sie besonders am Umbauen und Modernisieren?
Sebastian: Das Verstehen der Substanz, das erforschen und das Rekonstruieren der verschiedensten Bauphasen… um diese dann zu transformieren um den neuen Anforderungen Platz zu geben, ohne den Bestand komplett zu überformen – die Geschichte des Gebäudes soll lesbar bleiben.
Sandra: Ich finde den Gedanken schön, dass ein Bauwerk das vor vielen vielen Jahren zu einem gewissen Zweck gebaut wurde auch heute noch diesen Zweck erfüllen kann oder eben so umgebaut werden kann, dass es den heutigen Anforderungen entspricht! Daran sollte auch die heutige Architektengeneration bei jedem neuen Entwurf denken.
Sebastian: In unserer schnelllebigen Zeit wird sehr kurzfristig gedacht und das spiegelt sich auch in den Gebäuden und deren Bauweise wieder. Die Lebensdauer von gewissen Baumaterialien und Konstruktionen die heute verwendet werden beträgt nicht einmal 20 Jahre – da bleibt die Nachhaltigkeit auf der Strecke.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Sebastian: Von Künstlern, guten Projekten und Alltagssituationen…im Wesentlichen von Menschen und ihren Handlungen.
Sandra: Von Kunst, Filmen, Texten,…Wir lassen uns vom Außergewöhnlichen aber auch vom „Normalen“ inspirieren, von guter Architektur und auch von nicht so gelungener Architektur. Wir lernen von guten und von schlechten Beispielen und natürlich auch von unseren Bauherren!

Was und für wen würden Sie gerne bauen?
Sebastian: Ich würde gerne urbanes Wohnen im Bestand realisieren, mit allem was dazu gehört. Eine Quartiersentwicklung ähnlich zu unserem EUROPAN 12 Projekt, wo es neben Wohnen auch sehr stark um die Programmierung des öffentlichen Raums geht.
Sandra: Wie Architekt Harry Glück schon sagte, verdichtete Wohnformen mit hoher Qualität mit Grünraum und integriertem Freizeitangebot – nur zusätzlich noch in Kombination mit Bestandsgebäuden.

Wo und wie wohnen Sie selbst?
Sebastian: In einer Dachgeschoßwohnung im Griesviertel. Ich liebe dieses trashige Multikultiviertel mit all seinen teilweise auch grässlichen Seiten. Man ist dort ziemlich nahe an der Realität und auch nahe an den politischen Problemen.
Sandra: Ich wohne ebenfalls in Gries in einem Gründerzeithaus, allerdings in einer Erdgeschoßwohnung, nicht im Dach wie Sebastian. Ich mag die Lebendigkeit des Viertels und wie sich die Menschen den öffentlichen Raum aneignen! Da ist immer was los auf den Straßen.

Wenn Sie Bauherr wären: Wie würden Sie Ihren Architekten aussuchen?
Sebastian: Das Verhältnis zwischen Bauherren und Architekten ist ein ganz spezielles. Man muss teilweise viele Dinge von seinen Bauherren wissen die ziemlich privat sind, das heißt es ist eine gute menschliche Basis und Vertrauen von Nöten. Ich würde Sandra nehmen! ; )
Sandra: Ich würde natürlich Sebastian nehmen! Nein im Ernst, es ist wichtig, dass die zwischenmenschliche Chemie passt! Je nach Bauaufgabe würde ich mir den „passenden“ Architekten suchen. Architekten und Bauherren sollten ein Team sein und das gleiche Ziel verfolgen. Der Bauherr kennt seine Bedürfnisse, meistens zumindest, und der Architekt hat die Kompetenz diese in eine gebaute Form zu bringen. Es ist ein Prozess der durch Input von beiden Seiten vorangetrieben wird.

Wenn Sie sich einen Traum erfüllen dürften: Was würden Sie tun?
Sebastian: Die Zersiedelung der Landschaft rückgängig machen um den Menschen in den Städten und Dörfern eine direkte Möglichkeit zur Naherholung zu bieten.
Sandra: Eigentlich sind wir gerade dabei uns unseren Traum zu erfüllen. Wir hatten während unserer Studienzeit schon den Traum im Kopf nach dem Studium selbstständig arbeiten zu können und unsere eigenen Entwürfe zu realisieren.

Worin sehen Sie die künftigen Herausforderungen für Planer?
Sebastian: Die bestehenden Städte lebenswerter zu machen und den Menschen einen schnellen Weg zur Naherholung zu Verfügung zu stellen. Der Umgang mit dem Bestand und die Ressourcenschonung sind hierbei wichtig.
Sandra: Wir müssen lernen mit dem Bestehenden umzugehen und das bereits Gebaute weiter denken und weiter verwenden. Es gibt sehr viel ungenutzte Bausubstanz die wir weiter bauen können. Wenn ein Gebäude heute nicht mehr den Anforderungen entspricht wird häufig (daneben) neu gebaut ohne zu überlegen wie man das alte Gebäude adaptieren könnte, weil dies auf kurze Frist günstiger erscheint.

Was ist für Sie der schönste Bau in der Steiermark/ in Kärnten?
Sebastian: Schönheit ist für mich etwas Natürliches, Landschaft kann zum Beispiel schön sein. Gebäude sollten funktional und ästhetisch sein und Menschen glücklich machen. Es gibt viele gute Projekte wie zum Beispiel von INNOCAD und von Gangoly & Kristiner Architekten. Und natürlich extrem viel historische Bausubstanz deren Ästhetik unbestritten ist.
Sandra: Es gibt viele gute Beispiele. Wir sind sehr begeistert von den Projekten von Gangoly & Kristiner Architekten, nicht zuletzt weil wir von Prof. Hans Gangoly im Studium sehr viel gelernt haben und er noch immer so etwas wie ein Mentor für uns ist.
Sebastian: Im Allgemeinen hat uns das Institut für Gebäudelehre während dem Studium an der TU Graz sehr geprägt.

Was packen Sie als nächstes an?
Sandra: Wir sind gerade dabei eine Filiale der Bäckerei Sorger umzubauen, wo die Zusammenarbeit richtig Spaß macht und wir einen Auftraggeber gefunden haben bei dem die Chemie sehr gut passt. Unsere Philosophien und Ansichten sind sehr ähnlich.
Sebastian: Wir haben einige Dachgeschoßausbauten in Bearbeitung, eine Revitalisierung eines Gehöfts in der Südsteiermark und noch ein paar weitere Projekte die uns am Herzen liegen!